Es gibt Jahreszeiten, die kommen laut herein, wie der Frühling zum Beispiel, der alles explodieren lässt. Der Herbst dagegen schleicht sich auf leisen Sohlen sanft an uns heran. Er kommt nicht mit Paukenschlag, sondern mit einem leisen Rascheln, taucht die Bäume in Blattgold und verleiht dem Wald einen goldenen Schimmer. Plötzlich sind die Tage kürzer, die Pullover länger .. und kuscheliger – und irgendwo zwischen Nebel und Sonnenschein merken wir: Wir mögen das.
Vielleicht liegt es daran, dass der Herbst uns entschleunigt. Er lädt zum Spazieren, zum Durchatmen, zum Tee trinken ein. Wenn die Sonne tief steht, bevor sie glanzvoll untergeht und die Welt in warmes Licht taucht, sehen wir die Schönheit, die im Vergehen liegt.
Und dann sind da natürlich die Farben in der Natur – dieses Feuerwerk aus Gelb, Rot und Orange, das uns jedes Jahr aufs Neue staunen lässt. Ganz ohne Zauberei, aber mit einer Prise Chemie. Wenn die Tage kürzer werden, stellt der Baum seine Zuckerfabrik auf Sparflamme. Das grüne Chlorophyll zieht sich zurück und plötzlich zeigen sich die Pigmente, die sonst verborgen waren – Carotine, Anthocyane, all die kleinen Künstler im Blatt. Erst dann, wenn die Sonne noch einmal darüberstreicht, leuchten sie so, dass man fast glaubt, der Wald würde von innen glühen.
Vielleicht ist das der Grund, warum wir den Herbst so lieben. Er zeigt uns, dass Veränderung schön sein kann. Dass Loslassen nichts mit Verlust zu tun haben muss. Und dass selbst die kürzeren Tage voller Licht sein können – wenn man sie im richtigen Winkel und mit einem Hauch Melancholie betrachtet.
Quelle: hage
Photos: © Hildegard Grygierek

