Menorca. Mein erster längerer Aufenthalt führte mich nach Ciutadella. Die ehemalige Hauptstadt wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, doch je mehr Zeit man dort verbringt, desto klarer wird ihr Charakter. Enge Gassen, helle Steinhäuser, kleine Plätze, auf denen sich Leben abspielt, ohne laut zu sein. Ich hatte nie das Gefühl, mich durch eine touristische Kulisse zu bewegen – Ciutadella lebt, ganz selbstverständlich.
Menorca hat sich mir leise erschlossen – nicht spektakulär, nicht aufdringlich
Besonders nachdenklich gemacht haben mich die prähistorischen „Wohnungen der Toten“. Diese steinernen Begräbnisstätten liegen still in der Landschaft und wirken erstaunlich würdevoll. Kein Grusel, keine Inszenierung. Eher der Eindruck, dass hier schon vor sehr langer Zeit mit Respekt gelebt – und gestorben – wurde. Man steht davor und wird automatisch ruhiger.
Eine Insel – eher mit einer Ruhe, die man erst nach ein paar Tagen wirklich wahrnimmt
Das Meer rund um Menorca ist so klar und sauber, dass man fast denkt, man schwimmt durch flüssiges Glas. Kleine Buchten, ruhiges Wasser – wenn gerade keine Wellen Unruhe reinbringen – kaum Trubel .. ideal, um einfach abzutauchen. Beim Schwimmen hatte ich oft das Gefühl, dass ich mit dem Wasser eine Art Mini-Allianz gebildet habe. Am Ende des Tages fühlte ich mich dann fast wie ein Fisch auf Probe: Schuppenkleid optional, Schwimmflossen inklusive. Wer weiß, vielleicht hätte ich die Wellen sogar im Rückwärtsgang austricksen können.

Ein weiterer Eindruck ergab sich vom Monte Toro, dem höchsten Punkt der Insel. Der Blick über Menorca zeigt eine grüne, weitgehend unbebaute Landschaft. Von dort oben wird sichtbar, wie konsequent hier Natur geschützt wird. Nichts wirkt zufällig, nichts überzogen.
Auch die heutige Hauptstadt Maó (Mahón) hat mich überrascht. Der große Naturhafen, in dem Luxusliner anlegen, ist beeindruckend – und dennoch dominiert nicht der Kreuzfahrttourismus, sondern die Stadt selbst. Maó wirkt offen und weltläufig, ohne ihren Reiz zu verlieren.

Was mich während meines Aufenthalts besonders beeindruckt hat, war die Sauberkeit der Insel. Straßen, Orte und Strände sind auffallend gepflegt. Müll ist kaum zu sehen. Ein einziges Mal habe ich erlebt, wie Touristen ihren Abfall aus dem Autofenster warfen. Ich fuhr direkt hinter ihnen und habe – ehrlich gesagt – gehupt wie verrückt. Solche Momente fallen auf, gerade weil sie nicht zur Haltung der Insel passen.

Und dann sind da noch die Ausgrabungsstätten, diese steinernen „Wohnungen der Toten“. Die stehen da, schon ewig, und wirken trotzdem cooler als manches moderne Wohnzimmer. Man geht vorbei, denkt kurz über das Leben nach, die Toten, die hier wohl residiert haben, und merkt: Manche Dinge haben einfach Stil, auch wenn sie 3.000 Jahre alt sind. Ruhig, würdevoll und irgendwie faszinierend – fast so, als hätten die Urgroßeltern der Insel uns heute nur mal eben zur Besichtigung eingeladen.

Menorca ist keine Insel der lauten Attraktionen. Sie lebt von Achtsamkeit, Zurückhaltung und Respekt.
Und genau das habe ich als ihren größten Reiz empfunden. Eine Empfehlung.
Quelle: Hildegard Grygierek / Redaktionsteam Duisburg-Journal
Photos: © H. Grygierek

