Die Orangerie im Terrassengarten von Kloster Kamp wird zum Schauplatz einer besonderen Zusatzausstellung: Unter dem Titel „Freiheit für Kunst XL“ präsentiert Andreas Verfürth einen konzentrierten Gesamtüberblick der erfolgreichen NiederrheinTour 2026.
Das römische Zahlzeichen XL steht dabei nicht nur für die Zahl 40, sondern verweist zugleich auf die außergewöhnliche Dimension dieses Jubiläumsprojekts: 40 Jahre Spraybanane, 40 Ausstellungsorte und 40 unterschiedliche Werkgruppen von Thomas Baumgärtel.

Nachdem die NiederrheinTour unter dem Leitmotiv „Freiheit für Kunst“ eine ganze Region in eine weitläufige Kunstlandschaft verwandelt hat, führt die Ausstellung in der Orangerie zentrale Arbeiten und Höhepunkte der einzelnen Stationen noch einmal zusammen. Sie ist Rückblick, Resümee und eigenständige Ausstellung zugleich. Erstmals können die Besucherinnen und Besucher die künstlerische Entwicklung Thomas Baumgärtels in einer verdichteten Zusammenschau erleben.
Die historische Architektur der Orangerie bildet dafür einen reizvollen Kontrast. In dem barock geprägten Ensemble von Kloster Kamp begegnen sich Tradition und Gegenwart, kontemplativer Rückzugsort und gesellschaftlich engagierte Kunst. Baumgärtels Arbeiten treten in einen spannungsreichen Dialog mit einem Ort, der ursprünglich der Bewahrung, Pflege und Kultivierung von Pflanzen diente. Auch seine Kunst kreist um Wachstum, Veränderung, Vergänglichkeit und Erneuerung – und natürlich um jene Frucht, die seit vier Jahrzehnten zum unverwechselbaren Zeichen seines Schaffens geworden ist.
Die Ausstellung macht deutlich, dass bei Thomas Baumgärtel eben nicht „alles nur Banane“ ist. Vielmehr erscheint die Banane als wandlungsfähiges künstlerisches Prinzip. Sie ist Qualitätssiegel, Störung, Kommentar, Auszeichnung, Protestzeichen und humorvolle Irritation. In der Tradition des Pochoirs und der Schablonenkunst verbindet Baumgärtel die unmittelbare Bildsprache der Street Art mit den seriellen Verfahren der Pop Art. Wie ein visuelles Grundmodul wird die Banane wiederholt, variiert, verfremdet und in immer neue gesellschaftliche, politische und kunsthistorische Zusammenhänge gestellt.
Dabei knüpft Baumgärtel ebenso an die Idee des Readymades und an die Erweiterung des Kunstbegriffs durch Marcel Duchamp und Joseph Beuys an. Bereits der programmatische Satz „Alles kann Kunst werden“ beschreibt seinen offenen Umgang mit Materialien und Alltagsgegenständen. Verpackungskartons, Verkehrsschilder, Metallplatten, Industriewerkzeuge, Bananenschalen, Tragetaschen oder ausgediente Gebrauchsobjekte werden aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen gelöst und zu Trägern neuer
Bedeutungen. Das Gewöhnliche wird künstlerisch aufgeladen und das scheinbar Wertlose verwandelt sich in ein Objekt der Betrachtung.
Frühe Aquarelle und expressive Mischtechniken stehen neben großformatiger Malerei, Fotocollagen und Spraygrammen. Arbeiten aus dem „Gelben Bananenpointillismus“ begegnen Landschaftsbildern, Porträts und kunsthistorischen Hommagen. Werke, die sich auf Camille Corot, Gustave Courbet oder Joseph Beuys beziehen, werden mit Motiven aus Werbung, Comics, Musik und populärer Kultur konfrontiert. Die Rolling Stones, Snoopy, Bart Simpson oder Figuren aus der Konsumwelt stehen gleichberechtigt neben klassischen Bildzitaten. Baumgärtel überwindet damit bewusst die traditionelle Trennung zwischen sogenannter Hochkultur und populärer Alltagsästhetik.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis von Kunst, Konsum und Warenwelt. Bemalte Verpackungen, Einkaufstaschen und Markenprodukte greifen die Bildsprache der Werbung auf, verändern jedoch deren Botschaften. Durch Übermalung, Übersprühung und ironische Umdeutung entstehen Gegenbilder zur kommerziellen Verführung. Baumgärtel bedient sich dabei einer Strategie, die kunsthistorisch zwischen Pop Art, Appropriation Art und dem Prinzip des „Détournement“, der kritischen Zweckentfremdung vorgefundener Zeichen, angesiedelt ist.
Daneben zeigen skulpturale Arbeiten und raumgreifende Objekte, wie konsequent Baumgärtel sein Leitmotiv in die Dreidimensionalität überführt. Bananen aus Edelstahl, monumentale Industrieplatten, Arbeiten aus Tausenden von Bananenstielen sowie Installationen wie „Banane im goldenen Käfig“ erweitern das gesprühte Zeichen in den realen Raum. Material, Größe und ursprüngliche Funktion der Gegenstände werden dabei zu wichtigen Bedeutungsträgern.
Besondere Aktualität erhält die Ausstellung durch die politischen und gesellschaftskritischen Arbeiten. Baumgärtel reagiert auf Krieg, Gewalt, Ausgrenzung, Nationalismus, Machtmissbrauch und die Gefährdung demokratischer Werte. Werke wie „No guns!“, „Staatsgrenze“, „Put in Prison“, „Palästina“, „Free Gaza!“ oder die verschiedenen Bearbeitungen staatlicher Symbole formulieren klare Haltungen und eröffnen zugleich Räume für Widerspruch und Diskussion.
Seine Kunst will nicht neutral bleiben. Sie hinterfragt politische Entscheidungen, gesellschaftliche Zustände und menschenunwürdiges Verhalten. Dabei scheut Baumgärtel weder Zuspitzung noch Konfrontation. Doch selbst in seinen schärfsten Arbeiten bewahrt er eine Bildsprache, die auf Verständlichkeit, Menschlichkeit und Dialog setzt. Humor und Ironie dienen ihm nicht zur Verharmlosung, sondern als Mittel der Erkenntnis: Sie öffnen den Blick, durchbrechen eingefahrene Denkmuster und machen Widersprüche sichtbar.
Im Zentrum seines gesamten Schaffens steht die Freiheit. Sie erscheint als politische Forderung, als Voraussetzung künstlerischer Arbeit und als persönliche Haltung. Freiheit bedeutet bei Baumgärtel immer auch Verantwortung: die Verantwortung, hinzusehen, Fragen zu stellen, Stellung zu beziehen und sich gegen Intoleranz und Unterdrückung zu wenden. „Freiheit für Kunst XL“ zeigt Thomas Baumgärtel deshalb nicht allein als den Schöpfer eines weltweit bekannten Zeichens. Die Ausstellung präsentiert ihn als vielseitigen Maler, Zeichner, Objekt- und Aktionskünstler, als frühen Vertreter der deutschen Street Art und als aufmerksamen Chronisten gesellschaftlicher Entwicklungen.
Die Orangerie wird so zu einem temporären Archiv von vier Jahrzehnten künstlerischer Arbeit – und gleichzeitig zu einem offenen Denkraum über Kunst, Freiheit und Verantwortung. Die Ausstellung lädt dazu ein, Bekanntes neu zu betrachten, scheinbar Eindeutiges infrage zu stellen und hinter der gelben Banane das ganze facettenreiche Werk Thomas Baumgärtels zu entdecken.
Eine Ausstellung der Galerie Schürmann, Kurator: Andreas Verfürth – Kooperationspartner der Tour: Museum Goch, Galerie Geissler Bentler
Dauer der Ausstellung: 06.09.-18.10.2026
Öffnungszeiten: Fr/Sa 14-17 Uhr | So 11-17 Uhr
Sonderöffnungszeiten an Feiertagen finden Sie
unter galerie-schuermann.de
Quelle: Galerie Schürmann
Photos:
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