Seit gestern gibt es am Niederrhein ein neues Wandbild – gesprüht von Thomas Baumgärtel – ein kleiner Vorbote für seine am 8. Mai startende Niederrheintour (Eröffnung im Niederrheinischen Museum Kevelaer, 19 Uhr).
Der Kevelaerer Unternehmer Markus Rogmann hat sich dieses Wandbild gewünscht zur diesjährigen Niederrheintour. Es befindet sich in der Geldenerstr. 60, 47623 Kevelaer an der Fassade seines Privatgebäudes.
Mädchen mit Pflanze
Das neue Wandbild „Mädchen mit Pflanze“ des Kölner Künstlers Thomas Baumgärtel in Kevelaer zeigt ein Detailmotiv aus seinem groß angelegten Werkkomplex Apokalypse, der sich mit dem traditionsreichen Bildthema der Vier Apokalyptischen Reiter auseinandersetzt. In diesem Projekt greift Baumgärtel eines der eindrucksvollsten Motive der abendländischen Kunstgeschichte auf und überträgt es in eine zeitgenössische, gesellschaftskritische Bildsprache. Ausgangspunkt ist das biblische Motiv aus der Offenbarung des Johannes, das seit Jahrhunderten Künstler inspiriert hat und besonders durch die berühmte Darstellung der Reiter bei Albrecht Dürer ikonischen Status erlangte.
Das in Geldern gesprühte Bild konzentriert sich auf eine kleine, scheinbar unscheinbare Szene: Ein Mädchen in hockender Haltung pflanzt einen jungen grünen Trieb. Die Figur ist in Baumgärtels charakteristischer Schablonentechnik ausgeführt, mit reduzierter Farbigkeit und klar konturierten Schatten. Während die Figur selbst in gedeckten, beinahe monochromen Tönen erscheint, hebt sich die Pflanze in einem leuchtenden Grün hervor und wird so zum visuellen Zentrum der Darstellung. Diese Farbdramaturgie verstärkt die symbolische Bedeutung des Motivs: Das Grün steht für Wachstum, Hoffnung und die Möglichkeit von Erneuerung.
Im ursprünglichen Gemälde aus der Serie (siehe Abb. unten) erscheint diese Szene am Rand einer düsteren Landschaft, durch die einer der apokalyptischen Reiter zieht. Die Umgebung ist von Zerstörung, Umweltverschmutzung und Plastikmüll geprägt – ein Bild der ökologischen Krise der Gegenwart. Das pflanzende Kind bildet darin einen bewussten Gegenpol zur apokalyptischen Bedrohung. Indem Baumgärtel dieses Detail aus dem monumentalen Gemälde herauslöst und als eigenständiges Wandbild im öffentlichen Raum realisiert, verschiebt er den Fokus von der Katastrophe auf die Möglichkeit des Handelns.

Kunsthistorisch lässt sich diese Arbeit als Transformation einer jahrhundertealten religiösen Ikonografie in eine zeitgenössische, gesellschaftlich engagierte Bildsprache verstehen. Während die apokalyptischen Reiter in der traditionellen Kunst meist als unaufhaltsame Boten des Untergangs erscheinen, interpretiert Baumgärtel sie als Allegorien heutiger globaler Krisen – etwa ökologischer Zerstörung, gesellschaftlicher Konflikte oder politischer Instabilität. Gleichzeitig eröffnet er mit der Figur des Kindes eine Perspektive der Hoffnung. Das kleine, konzentrierte Handeln – das Pflanzen eines neuen Lebens – wird zum Symbol für Verantwortung, Zukunft und die Möglichkeit, dem drohenden Untergang aktiv etwas entgegenzusetzen.
So verbindet das neue Wandbild in Geldern religiöse Bildtradition, zeitgenössische Street-Art-Ästhetik und gesellschaftliche Reflexion zu einer klaren visuellen Aussage: In einer Welt, die von Krisen geprägt ist, bleibt die Zukunft offen – und beginnt im scheinbar kleinen, individuellen Handeln.
Quelle: Thomas Baumgärtel
Photo: © Thomas Baumgärtel

