Es ist ein ewig aktuelles, bitterböses Gesellschaftsexperiment, das Felix Seiler in seiner Neuinszenierung von „My Fair Lady“ an der Deutschen Oper am Rhein freilegt. Siebzig Jahre nach der Broadway-Uraufführung beweist der Abend im vollbesetzten Theater Duisburg, dass Frederick Loewes Klassiker weit mehr ist als eine Nummernrevue seliger Evergreens.
Gemeinsam mit der Dramaturgin Katie Campbell bürstet Seiler den Stoff gegen den nostalgischen Strich. Wer hier bloß die romantische Verwandlung eines armen Blumenmädchens in eine feine Dame erwartet, wird enttäuscht. Der Duisburger Ansatz fokussiert messerscharf den brutalen Klassismus und die toxische Männergewalt, die hinter der philologischen Wette stecken. Sprache wird hier nicht als Brücke, sondern als gnadenlose soziale Waffe inszeniert, mit der die Oberschicht ihre Privilegien absichert.
Der taktische Plan des Regieteams offenbart sich gleich in der Exposition. Nikolaus Weberns Bühnenbild verzichtet auf niedliche Londoner Marktplatz-Romantik und setzt stattdessen auf kühle, geometrische Strukturen – eine riesige erdrückende mint-grüne Wand eines Phonetiklabors mit Türen und vielen (Wissens)-Schubladen, die Eliza Doolittles Gefängnis spürbar machen.

Diese ästhetische Balance spiegelt sich konsequent in den Kostümen von Sarah Rolke wider. Rolke meidet die historische Kitschfalle und wählt eine subtile Modernisierung, die den sozialen Status wie eine „zweite Haut“ abbildet (teils nicht komplett genähte Kostüme und Anzüge). Eliza Doolittles anfängliche Kluft zeichnet sich durch eine schmucklose, raue Realität aus. Beim Pferderennen in Ascot und auf dem Ball bei der Königin weicht die sonst übliche Pracht einer kühlen, fast uniformen Eleganz der feinen Gesellschaft. Hier wird Kleidung zum Schutzpanzer einer Elite, während Higgins‘ lässige Intellektuellen-Garderobe seine emotionale Verwahrlosung hinter bürgerlicher Nonchalanze tarnt.


Seiler riskiert viel, indem er das Tempo in der Anfangsphase bewusst drosselt, um die soziale Kälte spürbar zu machen. Das hätte ins Längen-Konstrukt abgleiten können, doch das Konzept geht auf. Der kalkulierte Kontrast zwischen der Gosse und Higgins‘ sterilem Phonetik-Labor zündet emotional sofort. Inmitten dieser präzisen Anordnung ereignete sich am Premierenabend ein kleines, theaterhistorisches Wunder: Torben Jürgens, besetzt als Elizas Vater Alfred P. Doolittle, hatte sich schwer erkältet. Die Stimme streikte, der Körper spielte. Kurzerhand übernahm Bass-Bariton-Kollege Joachim Goltz den Gesangspart aus dem Off, während Jürgens auf der Bühne mit ungeheurer physischer Präsenz brillierte und seine Sprechtexte meisterte. Diese improvisierte Notlösung entpuppte sich als inszenatorischer Coup und bescherte dem Ensemble spontanen Szenenapplaus.
Aus dem Orchestergraben konterkarieren die Duisburger Philharmoniker unter der musikalischen Leitung von Dominic Limburg die visuelle Strenge auf faszinierende Weise. Limburg bürstet Frederick Loewes Partitur keineswegs gegen den Strich, sondern setzt auf die ungebremste Kraft des originalen Broadway-Sounds. Das Orchester schwelgt in den schillernden Farben der klassischen Arrangements, arbeitet jedoch die rhythmische Schärfe und die satirischen Zwischentöne der Komposition pointiert heraus. Wo auf der Bühne die soziale Kälte regiert, liefert der Graben den emotionalen Resonanzboden, ohne in falsches Pathos zu verfallen. Die Tempi sind straff, die Bläsersätze sitzen messerscharf und die Streicher entfalten eine Wärme, die einen packenden Kontrapunkt zur analytischen Regie bildet. Dieser orchestrale Luxus sorgt dafür, dass die bekannten Melodien ihre kinetische Energie vollends entfalten.

Den eigentlichen Wendepunkt der Aufführung markiert nicht das berühmte, triumphal geschmetterte „Es grünt so grün, wenn…“, sondern die Zeit danach. Als Eliza Empfang bei der Königin von Transylvanien fehlerfrei absolviert hat, kippt die Atmosphäre. Die entscheidenden Szenen gehören der psychologischen Demontage des männlichen Egos.
Devi-Ananda zeichnet Eliza nicht als gefügiges Opfer, sondern als stolze, zutiefst verletzte Frau, die den psychischen Missbrauch durchschaut. Ihr gegenüber brilliert Karin Seyfried in einer Männerrolle als Professor Henry Higgins. Seyfried verleiht diesem exzentrischen Tyrannen eine erschreckend moderne Note – narzisstisch, unfähig zur Empathie, gefangen in seiner eigenen emotionalen Unreife. Wenn Dirk Weiler als besonnener Oberst Pickering versucht zu vermitteln, wird die toxische Dynamik in der Wohngemeinschaft der Alphamänner erst recht greifbar. Hier geht es längst nicht mehr um korrekte Artikulation, sondern um die Frage, wer das Recht auf eine eigene Identität besitzt.

Am Ende, wenn der langanhaltende Applaus das Duisburger Ensemble feiert, entlässt die Inszenierung das Publikum mit unbequemen Fragen in die kalte Duisburger Nacht. Seiler verweigert dem Stück das klassische, verlogene Happy End. Was wird nun aus diesen Menschen? Eliza Doolittle kehrt nicht demütig zu den Pantoffeln des Professors zurück; ihre Emanzipation ist endgültig, aber sie hinterlässt sie in einer sozialen Isolation. Higgins bleibt als emotionaler Krüppel in seiner phonetischen Festung zurück, unfähig zu begreifen, was er verloren hat. Pickering zieht sich in seine großbürgerliche Komfortzone zurück, während Alfred P. Doolittle, durch bürgerliche Erbschaft in die von ihm verachtete Mittelschichtsmoral hineinkatapultiert, seine Freiheit an die gesellschaftliche Konvention verloren hat. Diese Produktion zeigt keine märchenhafte Wandlung, sondern die Trümmer eines bildungsbürgerlichen Dünkels.
Bis zum 31. Dezember 2026 stehen noch sechs weitere Termine an – diese kluge, bittere Abrechnung mit dem Klassensystem sollte man nicht verpassen. Sichern Sie sich noch schnell Restkarten für dieses besondere Musical im Dezember.
Zusatzinfos:
- Veranstaltungsort: Theater Duisburg, Neckarstraße 1, 47051 Duisburg
- Dauer der Aufführung: ca. 3 Stunden (inklusive einer 15-minütigen Pause)
- Aufführungen dieser Spielzeit: 12.11., 18.11., 05.12., 18.12., 27.12., 31.12.2026 (Silvester-Vorstellung)
Quelle: Duisburg-Journal
Photos: © Jochen Quast/Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg











