Wer an Duisburg denkt, dem kommen oft zuerst imposante Hochöfen, der geschäftige Binnenhafen oder urbane Industriekultur in den Sinn. Doch die Stadt besitzt eine ganz andere, überraschend grüne und wilde Seite. Am linksrheinischen Ufer entfaltet sich ein Naturjuwel, das zu den wertvollsten Rückzugsorten am Niederrhein zählt: das Naturschutzgebiet Rheinaue Friemersheim.
Als Brücke zwischen lebendiger Flussdynamik und jahrhundertealter Kulturlandschaft lädt das Areal dazu ein, die Seele baumeln zu lassen und gleichzeitig eine faszinierende Tier- und Pflanzenwelt zu entdecken. Nehmen Sie Platz und begleiten Sie uns auf einen Streifzug durch eine Landschaft, die den Rhythmus des Rheins atmet.
Wo das Auge weit reist: Die Lage am großen Strom
Das Schutzgebiet befindet sich im Duisburger Bezirk Rheinhausen, eingebettet im idyllischen Stadtteil Friemersheim. Es bildet einen schmalen, aber ökologisch unschätzbaren Uferstreifen am linken Rheinufer. Die geografischen Grenzen sind klar gesteckt: Im Norden markiert der Hafen des ehemaligen Kruppschen Hüttenwerkes den Beginn des Gebiets. Von dort aus zieht sich die Aue sanft geschwungen flussabwärts, bis sie im Süden nahtlos an die Stadtgrenze von Krefeld stößt. Diese direkte Lage am Flussbett macht die Rheinaue zu einem dynamischen Grenzraum zwischen Land und Wasser, der durch ein gut ausgebautes Netz von Rad- und Wanderwegen für Bürgerinnen und Bürger perfekt erschlossen ist.
Sechs Kilometer pure Vielfalt: Die Größe des Gebiets
Mit einer Gesamtfläche von stolzen 262 Hektar bietet die Rheinaue viel Raum für die Entfaltung ungestörter Naturprozesse. Bereits im Juli 1979 wurde das Areal offiziell unter Schutz gestellt und im Jahr 1991 noch einmal erweitert. Beeindruckend ist vor allem die langgestreckte Form des Geländes: Es misst stolze sechs Kilometer in der Länge, misst an seiner breitesten Stelle jedoch gerade einmal maximal 700 Meter. Diese langgestreckte Struktur sorgt dafür, dass die Aue eine enorme Uferlinie aufweist – ein entscheidender Faktor für den Artenreichtum, da Übergangszonen zwischen Fluss und Festland biologisch besonders produktiv sind.
Ein Paradies für Entdecker: Die vorkommende Tierwelt
Wer mit offenen Augen und Ohren durch die Rheinaue Friemersheim wandert, wird schnell Zeuge eines regen Treibens. Die Tierwelt zeigt sich hier in ihrer vollen Pracht. Besonders Vogelliebhaber kommen voll auf ihre Kosten, da das Gebiet an einer der wichtigsten Vogelzuglinien Mitteleuropas liegt.
Gefiederte Jäger und Sänger: Neben dem eleganten Graureiher nutzen zahlreiche Wasservögel, darunter Krick- und Pfeifenten, die ruhigen Zonen als Rast- und Nahrungsbiotop. Auch gefährdete Brutvogelarten finden im dichten Gebüsch sichere Nistplätze.
Mikrokosmos im Schilf: In den flachen Gewässern und Gräben tummeln sich Libellenarten (u.a. Königslibelle, Blaue Azurjungfer), während Schlammschnecken und Wasserasseln den Gewässergrund besiedeln. Amphibien wie die lautstarken Wasserfrösche nutzen die Kleingewässer im Frühjahr intensiv als Laichplatz.
Säugetiere der Nacht: Sobald die Dämmerung hereinbricht, übernehmen verschiedene Fledermausarten den Luftraum, um über den Wasserflächen Jagd auf Insekten zu machen.
Farbenpracht auf kargem Grund: Die artenreiche Pflanzenwelt
Die floristische Vielfalt der Rheinaue ist das Ergebnis eines Mosaiks aus verschiedenen Lebensräumen. Naturnahe Uferbereiche wechseln sich ab mit feuchten Wiesen, Deichhängen und alten Kulturflächen. Ein echter Blickfang sind die traditionellen Streuobstwiesen und dichten Heckenstrukturen, die das Landschaftsbild maßgeblich prägen.
Botaniker schätzen das Gebiet für seine seltenen Schätze: Auf den Wiesen und Wildkrautfluren wachsen streng geschützte Pflanzensippen, die auf der Roten Liste stehen. Dazu zählen unter anderem die seltene Echte Katzenminze, das zarte Echte Wiesen-Labkraut sowie das Schwarze Bilsenkraut. Auch prachtvoll blühende Malvenarten setzen im Sommer farbliche Akzente entlang der Wege.
Vom Rhein geformt – Die wechselhafte Bodenbeschaffenheit
Die Böden der Rheinaue Friemersheim erzählen die Geschichte des Flusses. Es handelt sich um ein typisch holozän geprägtes Auenland, dessen Untergrund über Jahrtausende hinweg durch die Ablagerungen des Rheins geformt wurde. Die Bodenbeschaffenheit ist extrem variabel: Sie reicht von kiesigen und sandigen Ablagerungen in direkter Flussnähe bis hin zu schweren, tonig-lehmigen Sedimenten in den tiefer gelegenen Senken. Diese Böden sind von Natur aus sehr nährstoffreich, weisen jedoch eine Besonderheit auf: das Phänomen der Pseudovergleyung. Durch wechselnde Grundwasserstände und die regelmäßigen Hochwasser des Rheins sind die Böden zeitweise extrem nass und sauerstoffarm, trocknen in sommerlichen Hitzeperioden aber auch rasch wieder aus. Diese Dynamik zwingt die Pflanzenwelt zu einer hohen Anpassungsfähigkeit.
Die Schätze der Aue – Die ökologischen Besonderheiten
Die Rheinaue Friemersheim besitzt einige Alleinstellungsmerkmale, die sie zu einem ganz besonderen Refugium machen. Das absolute Herzstück ist „Die Roos“. Dabei handelt es sich um einen jungholozänen Altarm des Rheins, der bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts voll funktionstüchtig war. Heute dient dieses stehende Gewässer als unersetzlicher Rückzugsort für seltene Fischarten und Insekten. Um dieses sensible Ökosystem in heißen Sommern vor dem Umkippen zu schützen, greift die Stadt Duisburg sogar zu Notfallmaßnahmen wie künstlichen Frischwassereinspeisungen.
Eine weitere Besonderheit ist das Nebeneinander von Naturschutz und historischer Kulturlandschaft: Uralte Kopfweiden, die durch traditionelle Schnitttechniken ihre charakteristische Form erhielten, bieten mit ihren Höhlen und Totholzanteilen perfekte Wohnstuben für Kauze und Insekten. Mittendrin fügen sich historische Höfe wie der Werthschenhof harmonisch in das grüne Panorama ein.
Wie sieht die Zukunft der Rheinaue aus?
Die Rheinaue Friemersheim steht vor spannenden ökologischen Herausforderungen und Entwicklungen. Der Klimawandel mit extremen Niedrigwasserphasen im Sommer stellt den Altarm „Die Roos“ und die Feuchtwiesen vor Belastungsproben. Fachleute fokussieren sich zunehmend auf ein modernes, integratives Auenmanagement. Dazu gehört die Pflege der alten Streuobstbestände und die Beibehaltung einer extensiven, naturnahen Beweidung – etwa durch traditionelle Pferderassen wie Haflinger –, um das Zuwuchern der wertvollen Offenlandschaften zu verhindern.
Zudem rückt die Optimierung der Besucherlenkung in den Fokus. Das Ziel für die kommenden Jahre ist es, den Bürgern das Naturerlebnis durch geführte Exkursionen und Informationstafeln nahezubringen, während gleichzeitig sensible Kernzonen – insbesondere die Brutgebiete am Rheinufer und an der Roos – konsequent vor Trittschäden und Störungen geschützt werden. So bleibt die Rheinaue auch für zukünftige Generationen ein lebendiges Stück Heimatnatur.
Ausgangspunkte, um das NSG zu erwandern:
- Einstieg am historischen Werthschenhof (Mitte) Dies ist der beliebteste Ausgangspunkt, da Sie von hier aus direkt an den historischen Altarm „Die Roos“ gelangt und die idyllischen Streuobstwiesen vor der Nase hat.
Parkmöglichkeit: Ein Wanderparkplatz befindet sich direkt am Werthschenhof (Adresse für das Navi: In den Peschen / Werthschenhof, 47229 Duisburg). Perfekt für Familien und Fotografen; der historische Gutshof bietet zudem eine tolle Kulisse.
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Einstieg am Kruppsee / Friemersheimer Dorfkirche (Norden)
Wer die Wanderung mit einem Kulturspaziergang durch das historische Rheindorf Friemersheim und dem Kruppsee verknüpfen möchte, startet am besten hier.
Parkmöglichkeit: Nutzen Sie die öffentlichen Parkplätze rund um den Marktplatz am Friemersheimer Dorfzentrum oder nahe der Dorfkirche (Adresse: Mittersheimweg / Am Gitschenhof, 47229 Duisburg). Alternativ gibt es Parkplätze am nahegelegenen Kruppsee. Von hier aus gelangt man über die Deichwege direkt in den nördlichen Teil der Rheinaue und kann den Spaziergang mit einem Blick auf das alte Lehrerhaus oder die Dorfkirche abrunden.
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Einstieg an der Stadtgrenze Krefeld / Uerdingen (Süden)
Ideal für alle, die eine größere Wanderung oder eine Fahrradtour entlang des Rheins planen und das Schutzgebiet von Süden her aufrollen wollen.
Parkmöglichkeit: Parkplätze finden Sie am Rheinufer im angrenzenden Krefeld-Uerdingen, beispielsweise in der Nähe der Rheinbabenstraße oder am Uerdinger Steiger. Von dort aus spaziert oder radelt man einfach flussaufwärts nach Norden über die Stadtgrenze. Sehr gut geeignet für sportliche Touren und weite Ausblicke über die Rheinschleife.
Quelle: Duisburg-Journal
Photos: © MMB/Below
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