Es ist diese ganz besondere Mischung aus lauschiger Sommerabend-Atmosphäre und unvorhersehbarer Kleinkunst, die die Ruhrorter Campusabende zu einer festen Größe im Duisburger Kulturkalender werden läßt.
Bei seinem Gastspiel am Samstag (11.07.) auf dem Haniel-Campus präsentierte sich der Neudorfer krawattentragende Humoravantgardist Kai Magnus Sting in absoluter Höchstform und bot dem begeisterten Publikum einen fulminanten Querschnitt seines langjährigen Bühnenrepertoires. Gerade vor (fast) heimischen Publikum zeigte sich, dass die wahre Kunst des Kabaretts oft abseits des fest geschriebenen Skripts entsteht.
Tach auch, wie isset!?
Gewohnt eloquent und mit dem Tempo eines Ruhrgebiets-Tarantinos forderte der Neudorfer das Publikum auf, die eigene Setlist des Abends mitzugestalten und sich „Wunsch-Darbietungen“ aus seinem langjährigen Repertoire zu wünschen. So brach gleich zu Beginn des Programms der Abend mit den klassischen Konventionen. Statt starr das aktuelle Tourprogramm herunterzuspielen, ging der Blick zurück nach vorn: Der Künstler trat an den Bühnenrand und überließ dem Publikum die Regie. Gefragt waren Lieblingsstücke und verborgene Schätze aus dem langjährigen, beachtlichen Bühnenrepertoire, wie „Butterkuchen“, „Hömma“, „Ich reg mich nicht auf“, „Arztbesuch“, „Streit um Nudelsalat“… Diese Einladung ließen sich die anwesenden Kabarettbegeisterten nicht zweimal nehmen.

Dass Kabarett von der Dynamik des Augenblicks lebt, bewiesen vor allem auch die improvisierten Dialoge mit den Zuschauern in den vorderen Reihen. Ein absoluter Glücksfall für den Abend war die Entdeckung eines 19-jährigen aus der niederrheinischen Nachbarstadt im Publikum. Der junge Mann, der in einer Krefelder Werkstatt E-Bikes für die Zusteller der Deutschen Post repariert, avancierte unfreiwillig, aber sichtlich amüsiert, zum roten Faden der Show. Mit feinsinniger Ironie und ohne jede Bloßstellung, wie auch im nachfolgende Beispiel, flocht der Künstler die Anekdoten um die Mobilitätswende der Postzustellung mit reparturanfälligen Rädern immer wieder humorvoll in seine Nummern ein.

Gleichso erging es einem weiteren Zuschauer aus der ersten Reihe, der Kai Magnus Sting geradezu eine kabarettistische Steilvorlage bot. Barfüßig – die teuren Birkenstock-Sandalen demonstrativ neben sich platziert – zog er die Aufmerksamkeit des Künstlers auf sich. Das darauffolgende verbale „Fettwegkriegen“ war eine Lehrstunde in Sachen liebevollem Spott: Pointiert, treffsicher, aber stets auf Augenhöhe und ohne die Grenzen des guten Geschmacks zu verletzen. So bot er dem Kabarettisten eine willkommene Projektionsfläche, um den Großstadt-Boheme-Chic genüsslich aufs Korn zu nehmen. Solche Interaktionen, gepaart mit messerscharfen Wortkaskaden, machten den Abend nicht nur für eingefleischte Kenner der Szene zu einem kurzweiligen Genuss.

Das Format der Open-Air-Veranstaltung im atmosphärischen Campus-Innenhof erwies sich dabei als idealer Rahmen für Stings scharfzüngige Beobachtungen. Er verband erstklassige Kleinkunst mit feinsinniger Milieustudie und bewies einmal mehr, dass er zur ersten Garde der regionalen Kulturszene gehört. Das Publikum bedankte sich am Ende mit frenetischem und dann stehendem Applaus.

Der Abend im Rahmen der Ruhrorter Campusabende bot weit mehr als klassischen Frontalunterricht in Sachen Humor. Er war eine Hommage an das improvisierte Theater und zeigte, wie anspruchsvolle Kleinkunst sowohl Fachpublikum durch handwerkliche Präzision als auch Gelegenheits-Zuschauer durch pure Nahbarkeit begeistern kann. Wer dieses Highlight verpasst hat, muss nicht traurig sein. Die Ruhrorter Campusabende laufen noch bis zum 26. Juli.
Es stehen unter anderem noch das Kabarett-Infotainment-Programm von Comedian René Steinberg und TV-Arzt Doc Esser sowie weitere musikalische und theatrale Highlights auf dem Spielplan:
Programmübersicht – Campusabende ↑
Ein Besuch auf dem Haniel-Campus bleibt somit in diesem Sommer auf jeden Fall ein absolutes Muss für jeden Kulturinteressierten.
Quelle: Duisburg-Journal
Photos: © MMB/Below
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