Weniger Wasser hatte der Rhein noch nie. Am Pegel Duisburg-Ruhrort markiert der Wasserstand historische Tiefstwerte von um die 1,30 Meter. Uferzonen gleichen Geröllwüsten, die Walsumer Rheinfähre muss pausieren, und die Binnenschifffahrt bricht ein. Die Antwort der Politik? Ein Schulterzucken und der Griff zum Bagger.
Das Dogma der Vertiefung
Die Idee klingt bestechend einfach: Wenn der Fluss flacher wird, graben wir das Bett eben tiefer. Doch diese Rechnung ignoriert die Physik. Eine Fahrrinnenvertiefung mag kurzfristig den Tiefgang für Frachter erhöhen, aber sie erzeugt keinen einzigen Tropfen neues Wasser. Im Gegenteil: Vertiefen wir die Sohle, graben wir den Stromkanal weiter ein, was den Grundwasserspiegel in den anliegenden Regionen weiter absenkt und die Strömungsdynamik bei künftigen Extremen verschärft. Es ist Symptom-Aktionismus auf Kosten des gesamten Ökosystems. Wie tief muss noch gebuddelt werden, bis im politischen Raum ankommt, dass man ein Haus nicht retten kann, indem man das Fundament wegfräst?

Dem Fluss seine Auen zurückgeben
Der Rhein leidet nicht an einem isolierten Sommerproblem, sondern an einer chronischen Fehlplanung des Raums. Jahrhundertelang haben wir ihn in ein enges Korsett aus Deichen und Mauern gezwängt. Flüsse brauchen jedoch Platz, um zu atmen. Statt Beton und Stahl fordern Gewässerschützer die Reaktivierung der Auen. Intakte Überschwemmungsgebiete und naturnahe Auenlandschaften wirken wie gigantische Schwämme. Sie nehmen bei Hochwasser die Lastspitzen und geben das kostbare Nass in Dürreperioden dosiert an den Hauptstrom zurück. Sie kühlen das Mikroklima und stabilisieren den regionalen Wasserhaushalt. Jachthäfen und Industrieanschlüsse am Niederrhein profitieren langfristig nicht von einer tieferen Rinne, sondern von einem intakten, wasserführenden Gesamtsystem.

Ein Paradigmenwechsel am Niederrhein
Der historische Tiefstand in Ruhrort muss ein Weckruf sein. Die Klimakrise bringt immer häufiger aufeinanderfolgende Wetterextreme. Wer stattdessen weiter auf Kanalbau und Bagger setzt, bekämpft das Fieber mit dem Hammer. Wir müssen umdenken: Flussregulierung bedeutet heute Raumgebung. Nur wer den Auen den Platz zurückgibt, den wir ihnen nahmen, sichert die Zukunft des Stroms als Lebens- und Wirtschaftsader.
Quelle: Duisburg-Journal
Photos: © MMB/Below
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