Die Großlandschaft an Ruhr und Emscher befindet sich in einem permanenten Zustand der Metamorphose. Wo einst Hochöfen den Takt des Alltags vorgaben und dichte Rauchwolken den Himmel verdunkelten, breitet sich heute eine vielschichtige, oft widersprüchliche Kulturlandschaft aus. Dem Verschwinden der schweren Industrie folgt jedoch keine Leere. Vielmehr hat sich eine urbane Topografie entwickelt, deren Reiz sich erst auf den zweiten Blick erschließt.
Über den Autor

Der Duisburger Autor Ralf Koss widmet sich in seinem jüngst im Emons Verlag erschienenen Reiseführer „111 Orte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ genau jenen Schnittstellen, an denen Geschichte in Gegenwart übergeht. Abseits der ausgetretenen touristischen Pfade gelingt ihm ein präzise beobachteter Streifzug durch eine Region, die ihre Identität fortlaufend neu verhandelt.
Lokale Erdung und der Blick aus Duisburg
Der erzählerische Kompass dieses Bandes ist untrennbar mit der Biografie seines Schöpfers und dessen tiefer Verwurzelung in der Stadt Duisburg verwoben. Ralf Koss, 1961 in Duisburg geboren, ist ein profunder Chronist des Reviers und seiner westlichen Peripherie. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er ab dem Sommer 2008 vor allem unter dem Pseudonym „Kees Jaratz“ bekannt. In seinem vielbeachteten Zebrastreifenblog seziert er seither mit spitzer Feder das Seelenleben des MSV Duisburg, den Fußball im Allgemeinen und die Kulturlandschaft an Rhein und Ruhr. Koss, der Germanistik und Geschichte studierte und heute als freier Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist in der Region arbeitet, nutzt diese lokale Erdung als Fundament. Seine enge Verbindung zur Duisburger Kulturszene und dem rauen Charme der Stadt am Rhein spiegelt sich in seiner Fähigkeit wider, die Ruhrgebietsidentität jenseits von Industrieromantik und Klischees zu erfassen.
Mikrokosmen abseits der Klischees
Die literarische Prämisse des Werks bricht bewusst mit den Konventionen klassischer Reiseführer. Koss arrangiert keine bloße Aneinanderreihung von Landmarken, sondern kuratiert eine akribisch recherchierte Auswahl von Mikrokosmen zwischen Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen. Das Buch führt das Publikum an Orte, die eine ganz eigene, oft verborgene Poesie verströmen. So lenkt der Autor den Blick auf eine überraschende ländliche Idylle mitten in der Großstadt Dortmund, führt in eines der kleinsten naturwissenschaftlichen Museen der Bundesrepublik oder erklärt die historischen Hintergründe einer Koblenzer Exklave mitten im „Pott“. Besonders eindringlich geraten jene Passagen, in denen ehemals verbotene Orte der Arbeit betreten werden. Hier fungieren Kunstwerke wie das architektonische Gedächtnisprojekt »Neustadt« als Katalysatoren für eine tiefere Reflexion über den Strukturwandel.
Kulturhistorischer Essay in Häppchenform
In der Analyse zeigt sich der besondere Reiz des Genres. Der moderne Reiseführer fungiert hier nicht als praktischer Wegweiser, sondern als kulturhistorischer Essay in Häppchenform. Koss beweist ein feines Gespür für die Balance zwischen historischer Präzision und erzählerischer Leichtigkeit. Die akribische Vorbereitung jeder einzelnen Station ist auf jeder Seite spürbar; keine Anekdote wirkt beliebig, jede historische Notiz fundiert.
Zugleich reiht sich dieser Band nahtlos in ein größeres Gesamtwerk ein. Wer Koss‘ literarischen Werdegang verfolgt, erkennt die Kontinuität: Bereits mit Titeln wie „111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“ oder „111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss“ hat er das Terrain vermessen. Ein Ausblick auf das Bergische Land erweiterte jüngst seinen Radius, und eine Fortsetzung dieser Erkundungen innerhalb der renommierten Emons-Reihe bleibt zu erwarten.
Einladung zum präzisen Hinsehen
Dieses Taschenbuch richtet sich dezidiert an ein Publikum, das den „Urlaub vor der Haustür“ als Chance zur Entdeckung begreift. Es eignet sich gleichermaßen für alteingesessene Revierbürger, die glauben, jede Ecke ihrer Heimat zu kennen, wie für auswärtige Entdecker, die jenseits von Zeche Zollverein das wahre, vielgestaltige Herz der Metropole Ruhr suchen. Koss liefert keine nostalgische Verklärung, sondern eine Einladung zum präzisen Hinsehen – ein unverzichtbarer Begleiter für die nächste Entdeckungsreise durch ein faszinierendes Revier.
Autor: Ralf Koss
Titel: „111 Orte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“
Verlag: Emons Verlag
Genre: Reiseführer/Regionalia | ET 20.08.2026
Format: Taschenbuch, 14 x 20.5 cm
Seitenanzahl: 240 Seiten
ISBN: 978-3-7408-2858-5
Preis: 18,95 EUR
Quelle: Duisburg-Journal
Cover: © Emons-Verlag
Photo: © Marion Basteck













